Fachtagung 2015 - Eine Nachlese

„Heilpädagogen sind Talentesucher!“

Fachtagung über Perspektiven heilpädagogischer Dienstleistung im Annahof Augsburg

Heilpädagogik ist eine ganzheitliche Pädagogik für Menschen, die Hilfen und Unterstützung brauchen. Sie baut auf den vorhandenen Fähigkeiten dieser Menschen auf. Zahlreiche Heilpädagogen, Pädagogen wie auch Erzieher fanden sich als professionelle Dienstleister unter der Thematik „Die heilpädagogische Dienstleistung zwischen Profession und Verwaltung“ im Augsburger Annahof ein. Dort galt es, erlebte Erfahrungen unter dem Aspekt „Zwischen Profession und Verwaltung“ in unterschiedlichen heilpädagogischen Arbeitsfeldern zu reflektieren. Solche Reflektion ist eine Voraussetzung, um daraus Konsequenzen für die professionelle Arbeit abzuleiten.

Unter der Tagungsleitung von Christine Stuhler-Seitel und Prof. Dr. Dieter Lotz aus Nürnberg bot die überregionale Fachtagung hierzu vielfältige Anregungen. Prof. Dr. Dieter Lotz ist Professor für Heilpädagogik an der Evangelischen Fachhochschule Nürnberg.

Der Bezirkstagspräsident des Bezirks Schwaben in Bayern, Jürgen Reichert, begrüßte die Versammelten. „Gleich einem Mobile“, so Reichert, „lebe der Mensch in Bezügen und sei nicht ausschließlich zur Behandlung da“. Heilpädagogik sei ein nicht weg zu denkender Bereich, wertvoll sei hierbei der ganzheitliche Blick und die systemische Arbeit. Prof. Dr. Dieter Lotz hielt auch den Hauptvortrag namens „Dienstleitung Heilpädagogik“. Darin ging er den Fragen nach, welchen Sinn es in einer auf Effektivität getrimmten und von Multitasking geprägten Umgebung mache, sich denen zuzuwenden, die unsere Tempogesellschaft oft abgehängt hat: Diesen in dieser Hinsicht schwächsten Mitgliedern Wert und Würde zu verleihen, sie zu fördern, und ihnen zu Würde und Wert zu verhelfen, dies gehöre zur Kultur unserer Gesellschaft. „Unsere Klientel ist nicht krank, sondern erziehungsbedürftig“, fasste Prof. Dr. Lotz seine Botschaft zusammen. In einem geschichtlichen Abriss zeigte er auf, wie die Heilpädagogik sich dem pädagogischen Bereich zuwandte, während die Ergotherapie in die Lücke des medizinischen Bereichs gegangen sei.

Um unterschiedliche Aspekte heilpädagogischer Professionalität im Arbeitsalltag im Dialog ging es in den weiteren Fachvorträgen. Über aktuelle Entwicklungen sozialrechtlicher Grundlagen aus dem Sozialgesetzbuch für die heilpädagogische Praxis berichtete Kai Timpe, Geschäftsführer des Berufs- und Fachverbandes Heilpädagogik. Ebenso ging er den Herausforderungen nach, die sich hieraus ergeben. So kritisierte er, dass Klienten von Behörde zu Behörde geschickt werden. Im Gegenteil habe laut Sozialgesetzbuch auch ein nicht zuständiger Träger der Sozialhilfe der zuständigen Behörde unverzüglich mitzuteilen, dass Leistungen beansprucht werden.

Dem Spannungsfeld zwischen Auftrag und Anforderung bei Heilpädagoginnen und Heilpädagogen in integrativen Kindertagesstätten widmete sich Bettina Mayer aus Trostberg. Sie stellte die Frage, ob Multitasking erwünscht sei. Das Jonglieren zwischen und mit verschiedenen Systemen wie „Familie“ oder „Kindergarten“ sei „einer unserer großen Aufgaben, an denen wir arbeiten“, so Bettina Mayer, „dabei sei fast Diplomatenausbildung von Nöten. Wenn man sich im Kindergarten oder der Grundschule als Heilpädagogin „in einem fensterlosen Kellerraum wieder finde“, wenn es immer wieder „heute ausnahmsweise“ heiße, dann gelte es, reflektiert zu handeln. „Heilpädagogik ist eine Haltung – also Haltung bewahren“, gab sie den Hörern mit auf den Weg. Sie zeigte auf, wie wichtig es sei, authentisch zu sein. „Mein Beitrag ist stundenmäßig überschaubar. Wenn, dann muss ich es über Wirkung hinkriegen! Es kommt darauf an, wer hier die Ziele steckt und was für Ziele das sind.“

Um Heilpädagogik in Regelschulen ging es bei dem von Michael Kreisel angebotenen Input. Der Schulleiter der Fachakademie für Heilpädagogik in Schönbrunn zeigte an konkreten Beispielen auf, wie Heilpädagogik dazu beitragen könne, dass alle Kinder in der Regelschule willkommen sind und deren Erziehungsauftrag hierdurch gestärkt werden könne. „Die gesellschaftlichen Trends“ verstärkten, so Michael Kreisel, „die unterschiedlichen Lernausgangslagen, die sowieso schon da“ seien. Daher gelte es „immer wieder die Stärken zu kultivieren, und dies im Kontext mit Beziehungsgestaltung.“

Die Fähigkeiten der Kinder und Jugendlichen zu finden und zu stärken, war ein Prinzip, das immer wieder angesprochen wurde. Prof. Dr. Lotz fasste diese Vorgehensweise griffig zusammen: „Heilpädagogen sind Talentesucher!“


PDF-Dateien mit den Inhalten der Fachvorträge zum Download


MP3-Audio des Vortrags von Prof. Dieter Lotz


Teilnehmerstimmen zum Fachtag: